Drucken

Junge Aktivistin aus Beirut befragt zum drohenden Kollaps im Libanon

Der Ausländerbeirat und die Jugendförderung des Landkreises Gießen haben ihre Veranstaltungsreihe zu den weltweiten Fluchtursachen wieder aufgenommen, diesmal in Zusammenarbeit mit dem Weltladen Gießen und der Evangelischen Kirche in Gießen und Umgebung. Unter dem Titel „Libanon vor dem Kollaps?“ fand die Veranstaltung aus Gründen des Infektionsschutzes diesmal online statt. Außer dem Team der Veranstaltenden und Referierenden fanden sich rund 25 Interessierte in dem digitalen Raum. Nach einem informativen Vortrag von Bernd Apel zu Geschichte und aktueller wie politischer und religiöser Lage im Libanon gab im zweiten Teil der Veranstaltung Lama Sbeiti einen Einblick in die aktuelle Situation im Land. Die junge Aktivistin und Zeitzeugin der aktuellen Geschehnisse wurde aus Beirut zugeschaltet. Nadya Homsi, Jugendförderung, unterstützte das Gespräch durch Moderation und Übersetzung Arabisch-Deutsch.

Das kleine Land im Nahen Osten mit 6,8 Mio. Einwohner und einer Fläche in etwa halb so groß wie Hessen ist durch eine Mehrfachkrise von Wirtschaft, politischem System, „Corona“ und zuletzt der Explosion im Beiruter Hafen am 4. August getroffen. Der Libanon hat in der Vergangenheit sehr viele Geflüchtete aufgenommen und ist jetzt auch wieder mit der Aufnahme von rund 1,5 Mio. Geflüchteten aus Syrien eines der wichtigsten Zufluchtsländer in der Region, das trotz eigenen scheinbar unüberwindbaren Problemen, Menschen aufnimmt.

Auf die Frage danach wie Menschen nach der Explosion in Beirut leben, antwortete Lama Sbeiti, dass unzählige Häuser, Restaurants, Viertel und Bürokomplexe zerstört worden sind. Es gebe Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, Menschen die froh sind überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben – auch wenn Fenster und Türen fehlen.

Neben der Fassungslosigkeit über die Explosion schwebe über allem als Damokles-Schwert die wirtschaftliche Lage. Es gebe keine Kaufkraft mehr und die Währung befinde sich im freien Fall. Junge und gut ausgebildete Libanes*innen möchten das Land verlassen. Dabei seien das ebenjene Menschen, die seit dem 17. Oktober letzten Jahres auf die Straße gehen und gegen politische Korruption der Eliten und Misswirtschaft protestieren. Zwar sei die Regierung inzwischen zurückgetreten, jedoch politische Ordnung und soziale Sicherheit längst nicht gewährleistet. Die Unruhe sei groß. Spätestens nach der Explosion sähen viele Libanes*innen keine Zukunft mehr für sich im Land.

Lama Sbeiti sagte, gut ausgebildete Menschen versuchen über ein Immigrationsverfahren nach Kanada oder Australien zu kommen.

Auf die Frage, was sie sich wünscht und was sie für ihre Zukunft plane antwortete sie  „Ich bin gespalten. Ich bin in Deutschland geboren und wir sind 2007 in den Libanon zurückgekehrt, weil wir uns eine bessere Zukunft erhofft haben. Die Situation wird aber immer unerträglicher. Ich brauche eine körperliche und wirtschaftliche Sicherheit für mich und meine kleine Familie. Obwohl mein Herz an der Veränderung des Landes und meiner Arbeit hängt, muss ich auch an mich, meine Tochter und meinen Mann denken. Es geht um ein Minimum an Existenzsicherheit.“